Tag 28 und der danach

27. April 2008

Den letzten Tag in Delhi haben wir nur noch fuer das shopping verwendet, eine neue Jeans angezogen und die alte auf einer Mauer liegen gelassen, irgendjemand kann sie sicher gebrauchen. Wir hatten einen guten Tipp von einem Kellner bekommen und sind mit der nagelneuen Metro in einen Aussenbezirk gefahren. Gesehen haben wir von Delhi also nur noch die Konsumtempel und McDonalds mit seinen Veggie-Burgern…

Wieder in Bonn: letzte Woche waren die Heizungsmonteure in meiner Wohnung und haben die Wand in der Kueche aufgeschlagen. Leider haben sie vergessen, die Tueren zu den anderen Zimmern zu schließen – oder es war ihnen einfach egal. Muessen indische Handwerker gewesen sein. Alles in meiner Wohnung ist von einer dicken Staubschicht ueberzogen, als wenn seit Jahren niemand mehr hier leben wuerde… aber ich frage mich schon seit langem, ob hier ueberhaupt noch jemand lebt. Als wenn das nicht reichen wuerde, ist auch der Kuehlschrank ausgefallen, alles aufgetaut und vergammelt, die ganze Luft stinkt nach altem Fisch. In meiner Wohnung sieht es aus und riecht es wie in Indien, aber es ist kalt und totenstill, ich friere in der Nacht, niemand hupt und spuckt auf den Boden, keiner steht mir im Weg rum und sieht mir beim aufraeumen zu, das kann nicht Indien sein!

Nein, ich freue mich nicht, wieder hier zu sein.

Tag 27

25. April 2008

Den zweiten Tag in Agra haben wir schon mehrere Gaenge runter geschaltet; nur noch ein bisschen durch die Gassen gezogen, in Cafes gesessen. Mein persoenliches Highlight war ein Interview mit dem indischen Fernsehen, das, aus welchen Gruenden auch immer, ein Team in unserem Hotel hatte, als wir gerade mit Gepaeck das Hotel verlassen wollten. Zum Glueck hatten sie mich vorher ueber das Thema des Interviews aufgeklaert, denn die Fragen des Interviewers waren nicht so einfach zu verstehen. Das Englisch der meisten Inder ist grauenvoll. Ich hoffe dass ich ausser Landes bin, bevor das gesendet wird.

Gestern sind wir in der Nacht in Delhi angekommen; die Leute in dem Hotel, mit denen wir am Tag vorher ein Zimmer klar gemacht hatten, wussten nichts davon und hatten keins mehr frei, also sind wir dann noch weiter gezogen. Wir haben ein anderes gefunden, das im Dunkeln aussah, als wuerde es gerade zur Sprengung vorbereitet. Im Hellen sieht das immer noch so aus, wir glauben aber, dass das die Versuche der Besitzer sind, das Haus zu renovieren. Delhi ist, wider Erwarten, relativ ruhig und sauber, jedenfalls im Vergleich zu Mumbay. Trotzdem fehlen auch hier quadratmetergrosse Platten im Gehsteig, die tiefe Loecher abdecken sollten, in denen eine durchschnittliche Familie spurlos verschwinden koennte. Das sind aber nur noch kleine Widrigkeiten, mit denen wir spielend fertig werden.

Morgen geht es zurueck nach Deutschland – ploetzlich und unerwartet – und ich versuche ein erstes Resumee am Wochenende, mit frischen Eindruecken. Ein paar Wochen spaeter werde ich ein weiteres schreiben, dann mit mehr Distanz. Ob das objektiver wird?

Tag 24

22. April 2008

Endlich wieder in der Zivilisation. Auch wenn die Meinung vorherrscht, dass das Internet weltumspannend sei, trifft das auf Sawai Madhopur nicht zu. Dort endet, zusammen mit der Zivilisation, auch das Internet. Die Daten versickern dort in der Erde. Dafuer gibt es einen Bahnhof und ein ehemaliges NVA-Wohnheim, mit aehnlichem Komfort – nichts fuer Schimmelpilzallergiker. Trotzdem dort abgestiegen, weil die Safari-Touren hier starten, brauche ich doch ein neues Tigerfell fuer den freien Platz vor meinem Kamin. Am Sonntag haben wir am fruehen Morgen und am Abend jeweils eine Safari mitgemacht, und, man glaubt es kaum, drei freilebende Bengalische Tiger gesehen. Das war auf der Tour am Morgen; auf der Abendtour hatten wir hohe Gaeste aus dem Oberoi Hotel (600 Dollar pro Nacht), und obwohl die einen Boy dabei hatten, der, mit Hirschtalg eingerieben, an der Wasserstelle als Opfer platziert wurde, haben wir keine weiteren Tiger mehr gesehen.
Am Montag haben wir versucht, den Ort mit dem Zug zu verlassen. Zusammen mit uns haben das auch die Tiger versucht, keine Chance. Das Reservat braucht keine Zaeune. Nach stundenlangen Diskussionen mit mehreren Beamten wurde uns ein Ticket nach Agra ausgestellt; der Zug kam auch, etwa einen Kilometer lang und unser Abteil ganz am Ende. Dort angekommen war die lapidare Aussage: no confirmation. Resultat war eine lange Fahrt im Gang vorm Klo – und wer einen asiatischen Zug kennt, der weiss, dass man dort besser Gummistiefel anhat. Hatten wir aber nicht. Dafuer stand die ganze Zeit die Aussentuere offen, so dass wenigstens ein gewisser Luftaustausch stattfinden konnte.

Heute, Dienstag, haben wir uns ein Auto mit Fahrer gemietet, und sind nach Fatehpur Sikri gefahren; weiterhin haben wir uns bei 45 Grad noch das Agra Fort, das Baby Taj angesehen, sowie das grosse Taj von hinten. Sieht genauso aus wie von vorn, ist aber erheblich billiger. Irgendwie laeuft uns die Zeit davon, morgen muessen wir schon nach Delhi. Gerade haben wir das YMCA als Unterkunft ausgesucht – die haben einen Pool…

Tag 20

18. April 2008

Es ist so weit, mein Gehoer ist so weit geschaedigt, dass ich auf die Frage: do you like people here? mit no geantwortet habe, weil ich verstanden hatte: do you like cold beer?
Eine Moeglichkeit, so etwas wie Urlaubsstimmung zu zaubern ist, sich in einem Luxushotel an und in den Pool zu legen. Dass wir das nicht schon vorher probiert haben; ist wirklich entspannend. Fuer die Preise der Getraenke haetten wir allerdings woanders ein ganzes Abendessen bekommen. Um uns noch mehr gutes zu tun haben wir in einem Geschaeft fuer Suessigkeiten einen Karton mit Leckereien erstanden; harmlos aussehende Rauten, Quadrate und Kringel. Die bestehen aus einer Masse aus Ghee und Zucker, die so lange gekocht wird, bis sie sich in Formen pressen laesst. Dann wird das Ganze nett mit essbarer Alufolie belegt und sollte nur von Menschen gegessen werden, die Radio India mit ihren Fuellungen empfangen wollen. Dafuer aber in Stereo.
Dass sich sehr guenstig Brillen hier anfertigen lassen wussten wir ja schon, doch jetzt nehmen wir auch Bestellungen fuer Gebisse entgegen, die werden hier ambulant an der Strasse gefertigt. Es gibt 5 Modelle zur Auswahl, eventuell fuer Vegetarier, Fleischesser, Auslaender, Unglauebige und Frauen.
Seit heute wissen wir auch, wie man schneller zu einem Bahnticket kommt: man muss nur eine weibliche, auslaendische, behinderte Rentnerin sein, die als nebenberufliche Freiheitskaempferin einen 400-Rupien-Job hat und einen Wohnsitz in Indien. Ohne Quatsch, der Ticketschalter ist fuer Foreigners, Disabled Persons, Women, Senior Citizens and Freedom Fighters.

Tag 19

17. April 2008

Sind schon seit gestern in Jaipur. Die Bahnfahrt hierher war ganz entspannt, auch wenn es echt muehsam ist, morgens um 5 wach zu werden, wenn keinerlei Durchsagen gemacht werden wo man sich befindet. Die erste Etappe bis Jodhpur haben wir zusammen mit einer grossen indischen Familie gemacht, die ein ausgesprochenes Interesse an uns und Deutschland hatte. Eine der seltenen schoenen Begegnungen, die nicht mit kommerziellen Hintergedanken verbunden waren. Beim Abschied winkten alle noch vom Bahnsteig, und der 15-jaehrige Sohn kam noch mal in unser Abteil, um sich zu verabschieden.
Genauso gefreut haben sich die Riksha-Fahrer in Jaipur, alle haben gelacht, sich gefreut dass wir da sind und laut mit uns gesprochen, weil jeder der 120 Fahrer uns gerne in seiner Riksha gehabt haette. Mit dem ersten Fahrer sind wir genau 5 Meter weit gekommen, da hatte der schon was falsch gemacht und musste zu seinem Boss ins Auto. Wir haben uns den naechsten gesucht, derweil eine Schlaegerei anfing, wohl auch uns zu Ehren und um uns zu begruessen. Wir sind aber nicht mehr da geblieben, auch wenn wir gerne noch etwas zugeschaut oder mitgemacht haetten, keine Lust auf folkloristische Darbietungen um 5 Uhr morgens.
In Jaipur selbst hatten wir ein Hotel mit Pool ausgesucht, und so haben wir, nach einem kurzen Gang durch die alte Innenstadt und der Suche nach einem anderen Hotel, den Nachmittag am und im Pool verbracht. Wir haben lange nach einem Begriff gesucht, der dem ersten Hotel etwas Positives verleiht, und so haben wir ihm einen gewissen Charme zugesprochen. In Wirklichkeit ist das ein Hotel, in dem selbst die Legionellen in den Duschkoepfen in einen Dornroeschenschlaf gefallen sind – oder aber nicht mehr durch die mit Kalk zugesetzten Oeffnungen passten. Nach ein paar Stunden im Daemmerlicht wurden wir schon schwermuetig und haetten wahrscheinlich nie wieder hinaus gefunden; welcome to the Hotel California.
Heute haben wir saemtliche Sehenswuerdigkeiten abgeklappert, Amber Fort, Stadtpalast (an die Fuehrung einer saechsischen Reisegruppe angehaengt), Palast der Winde (mittlerweile wissen wir, dass der so heisst, weil in Indien sehr viel mit Zwiebeln und Huelsenfruechten gekocht wird, und der Maharadja den Mief nicht mehr in seinem Palast haben wollte; also konnte jede seiner 48 Frauen an einem kleinen Fensterchen ihren Magenwind unschaedlich loswerden). Stundenlang in der Sonne herum gelaufen und ziemlich muede.

Tag 16

14. April 2008

In Jaisalmer kommt alles zur Ruhe, die Zeit bleibt im Sand stecken und selbst wir. Obwohl wir schon morgen weiter muessen nach Jaipur, haben wir hier ein bisschen Kraft schoepfen koennen. Einfach nur in einem rooftop-restaurant sitzen und den Leuten zuschauen hat auch was.
Zu sehen gibt es zum Beispiel folgende Szene: Eine westliche Touristin wirft sich baeuchlings ueber eine Kuh, um ihr den Hals zu massieren; die Kuh glotzt desinteressiert und beaeugt den Hintern einer am Boden liegenden Mohrruebe. Den Hintern der Touristin wiederum beaugen die einheimischen Maenner, ich hab nur mal kurz hingesehen, ehrlich. Die Touristin gefiel mir besser als die Ruebe, glaube aber, dass die Ruebe erheblich intelligenter war, die Kuh auch.
Zu sehen gibt es auch folgende Szene: Ein Lastwagen kommt um 5 Uhr morgens die menschenleere Dorfstrasse hinauf. Sobald die ersten Haueser in Sicht kommen, wirft der Fahrer unterhalb meines Schlafzimmers fuer 5 Minuten seine nagelneue 7-Ton-River-Kwai-145-Dezibel-kompress-o-boost-Fanfare an um zu sagen: wenn ich schon arbeiten muss, dann sollt ihr auch nicht mehr schlafen. Leider liegen die Kanonenkugel ein Stockwerk tiefer auf der Stadtmauer, und so kann ich das \”dem muesste jemand die Fresse polieren\” nur denken.
Welcher Typ bist Du? Kuehe massieren oder Fresse polieren? Es tut mir so leid, ich bin einfach kein zweiter Gandhi – noch nicht, ich hab ja noch eineinhalb Wochen…

two-week-special

13. April 2008

Dass es nicht so einfach ist, Indien zu bereisen, hatte man ja schon geahnt; warum das so ist, wissen wir allerdings erst jetzt. Indien ist viel lauter und dreckiger, als sich ein Europaer vorstellen mag, aber zaehlen unsere Vorstellungen hier ueberhaupt? Kann ich das Land ueberhaupt bereisen, wenn ich meine Ansprueche von zu Hause mitbringe? Vielleicht ist das permanente Gehupe, der knietiefe Muell auf allen Wegen wie nach einer Explosion der oertlichen Halde, das Spucken, das Verrichten der Notdurft auf der Strasse einfach kulturell bedingt. Ueber die sozialen Komponenten des Hupens kann ich nur spekulieren, eine Notwendigkeit dafuer existiert in den wenigsten Faellen. Vielleicht ist das so eine Art von auf sich aufmerksam machen, das symbolische Beanspruchen eines Raumes; wenn ich sonst keine Rolle spiele, dann drehen sich wenigstens einige um, wenn ich hupe. Eine zweite Theorie besagt, dass hupen einfach Spass macht. Ja, von dem no-honking-day in Mumbay haben wir \”gehoert\”, haha, natuerlich hat sich keiner dran gehalten.
Mit Sicherheit ist vieles einfach erlernt, die Kinder sehen, dass man ausspuckt und tun es auch, auch wenn sie noch keine Lungenschaeden haben wie die Erwachsenen. Stimme aus dem off: nur die Maenner spucken. Wir bewegen uns ja eh in Gegenden, die eher von aermeren bis armen Menschen bewohnt werden, der Zugang zu Medikamenten ist nicht vorhanden und eine Moeglichkeit, sich den katastrophalen Lebensbedingungen zu entziehen, besteht nicht. Selbst ich merke, dass sich meine Lunge gegen die Luft hier wehrt und etwas produzieren moechte, das sich auszuspucken lohnt.
Die Leute hier, ja was soll ich sagen, es ist eine Maennergesellschaft, und so haben die Einwohner einige ihnen genehme Angewohnheiten der moslemischen Eroberer uebernommen, als Frau hat man hier wenig bis keine Moeglichkeit zur Selbstentfaltung. Mitunter ist die Kommunikation etwas schwierig, weil die Offiziellen eher unwillig zu Auskuenften bereit sind; Unklarheiten klaeren sich oft erst, wenn umstehende Inder helfend eingreifen (und umstehende Inder gibt es immer). Auch von Busfahrern, Schaffnern etc. wird ignoriert, dass man die Landessprache nicht spricht. Aber das sind Probleme, wie sie auch beim Bereisen von Bayern auftreten.
Ich glaube, dass Indien bestens geeignet ist, fuer sich selber eine paar persoenliche Limits zu erfahren, irgendwie ist vieles extrem ausgepraegt hier. Effektivitaet spielt hier keine Rolle und treibt einen Deutschen schnell in den Wahnsinn, die Luft in den Staedten ist die Hoelle, schwarze Abgase treiben durch die Strassenfluchten und die Ohren fallen uns ab vom Laerm, in den Strassen liegen schlafende und, wie in Udaipur gesehen, auch tote Menschen, doch: wo soll das Leben stattfinden, wenn die Leute kein Zuhause haben?
Ich lasse das jetzt mal so bewusst provozierend negativ hier stehen, denn fuer ein Fazit ist es zu frueh.

Tag 14

12. April 2008

Der Nachtzug nach Jaisalmer war eine angenehme Alternative, durch Zufall gab es nur noch Air-Con Schlafwagen – zum Glueck, denn alle anderen waeren bei uns selbst fuer den Tiertransport verboten worden. Die Ankunft habe ich fast verschlafen, erst als alle raus waren sind wir aufgewacht und voellig verpennt auf den Bahnsteig gefallen. Dort gibt es mehr Schlepper als Muecken, denn auch hier sind wir die einzigen Touristen, off-season. Auch im Ort haben wir alle Haendler fuer uns, und so dauert es kaum zwei Stunden, bis man auf hundert Metern jedem erklaert hat wer man ist, woher man kommt und welche persoenlichen Ziele man im Leben hat. Zur Erholung winken original italienische Restaurants mit Pizza Nepalese, wobei ich nicht genau weiss, ob man durch Auskaemmen des Unterfells einer Pizza Teppiche herstellen kann. Aber wir sind in Indien, anything goes. Die German Bakery ist in Urlaub,
so bye bye Miss Germany pie,
drove your Tata to the Ganges but the Ganges was dry,
so good old boys were drinking Limca and Chai,
singing this will be the day that i die,
singing this will be the day that i die.
Wermutstropfen ist der grosse Windpark in der Wueste, dabei haette sich ein schmuckes Atomkraftwerk, sandfarben gestrichen, viel besser in die Kulisse gefuegt. Die sind hier halt noch nicht so weit. Dafuer haben wir eine ziemlich schickes Haveli gefunden, hoch oben, Teil der Stadtmauer des Forts, mit tollem Blick auf den Markt und, 12 Stunden spaeter, den Sonnenuntergang (mit den gleichen Menschen auf dem Marktplatz, die immer noch versuchen, einen Lastwagen zu entladen). Die Toilette unseres Zimmer klebt wie ein Schwalbennest an der Festungsmauer, und selbst bei einer Ohnmacht kann man nicht herunterfallen, auch zum Nachdenken kann man die Stirn unmittelbar an die kuehlenden Fliesen legen.

Noch eine kleine Anekdote zu Udaipur: auf dem Abendlichen Weg zum Hotel murmelte mir ein Maennlein aus dunkler Nische heraus die verstohlene Frage zu: Peepshow? Wobei mir erst jetzt der versuchte Nepp aufgeht.. wenn ich einer Inderin beim Ablegen ihres Saris zusehen soll, dann geht mir entweder das Geld aus, bevor sie auch nur 30 der 120 Lagen Stoff abgelegt hat – oder ich bin eingeschlafen. Ausserdem, das internet hat uns verdorben, vorbei die Zeit, als ich beim Anblick eines weiblichen Fussgelenks in Ohnmacht gefallen bin. Zuletzt gab das 1958 einen Aufruhr, als die Maharana von Jodhpur aus Versehen in London ihren Fuss sehen und fotografieren liess, woraufhin die gesamte Auflage der Times aufgekauft und vernichtet wurde, damit kein Bild nach Indien gelangt.

Tag 13

11. April 2008

Vorgestern sind wir den ganzen Tag im Fort von Jodhpur und in der Altstadt unterwegs gewesen. Auch dieses Fort mit Palast liegt auf einem hohen Felsplateau, von dem aus sich ein toller Blick auf das darunter liegende blaue Haeusermeer ergibt. Natuerlich sind wir zu Fuss da rauf, die muslimischen Angreifer sind damals auch nicht mit der Rikscha gekommen.

Gestern sind wir im Hotel geblieben, haben gedoest und am Abend Tickets fuer die Weiterfahrt nach Jaisalmer gebucht. Das Reservieren von Plaetzen ist in Indien auch ein besonderer Spass, mit mehrmaligem Anstellen an verschiedenen Schlangen, ausfuellen eines Reservation-Forms mit allen biografischen Daten, erneutem Anstellen, Rangeleien mit Vordraenglern (Rentner vor allem, weil der Schalter fuer Frauen, Auslaender und Rentner ist, also Minderheiten und Randgruppen) und der in Indien ueblichen Aufhebung der Privatsphaere. Bei allem, was hier ein Mensch tut, stehen mehrere andere moeglichst dicht dabei, um zu sehen was der denn so macht, besonders wenn es ein Europaer ist. Etwas anders ist auch der Einkauf in einem der seltenen Supermaerkte; hier sind unzaehlige kleine Abteilungen in einem Geschaeft zusammen gefasst, in denen man einkauft und bezahlt. Die Ware bleibt dort und man bekommt eine Quittung. Beim Verlassen des Ladens, holt man die vielen einzelnen Tueten mit den Quittungen am Ausgang ab. Auch hier gilt, wie so oft in Indien, wer am lautesten schreit und wichtig ist, bekommt seinen Kram als erster.

Heute in der Nacht geht es also nach Jaisalmer, dann mehr. Gestern hat uns eine Frau erzaehlt, dass es dort noch heisser sein soll als hier, dabei loest sich hier schon das Gestell meiner Brille auf, einfach so durch Materialerweichung in der Mitte auseinander gefallen. Die gleiche Materialerweichung spuere ich auch schon in meinem Kopf.

Tag 10

8. April 2008

Wenn wir gedacht hatten, dass eine 8-stuendige Bussfahrt angenehmer sein muesste als eine 22-stuendige, dann wurden wir heute eines Besseren belehrt. Irgendwie werden die Busse und die Wege immer schlechter, ausserdem steigt die Temperatur in Richtung Wueste auf 40 Grad. Die Federung des Busses ist auf das Gewicht von ca. 300 Personen ausgelegt. Wenn, so wie heute, nur 100 mitfahren, dann bewegt sich die Federung keinen Millimeter, und die Wirbelsaeule bekommt alle Schlaege ungefedert ab. Zweihunderttausend Dollar fuer einen Parabelflug sind rausgeschmissenes Geld, zwei Sekunden Schwerelosigkeit kannst Du in Indien fuer 50 Rupien haben, und das jedesmal, wenn der Bus mit 80 ueber eine Bodenwelle donnert. Ich hab noch nie so viele Leute aus einem fahrenden Bus kotzen gesehen. Ok, es waren nur zwei, aber da ich vorher noch nie jemand aus einem fahrenden Bus habe kotzen sehen, waren das schon eine Menge.
Direkt neben unseren Sitzen befand sich die Leiter zu den Pritschen ueber uns, und zuerst habe ich gedacht, dass es unguenstig sei, wenn ich die dreckigen Fuesse der Leute auf Gesichtshoehe habe, dann habe ich aber gemerkt, dass die Leiter auch verhindert, dass sich noch fuenf andere mit Gepaeck auf unseren Sitz quetschen.

Jetzt sind wir also in Jodhpur, die Rikschafahrer haben uns schon herzlich willkommen geheissen, wenn man sich hier nicht in ein Hotel schleppen laesst, dann sind die extrem unkoorperativ. So mussten wir dann mit Gepaeck zu Fuss unser Hotel suchen, das wir gestern Abend noch von Udaipur aus gebucht hatten. Das scheint allerdings ein echter Gluecksgriff zu sein, denn die Leute hier sind alle freundlich und unkompliziert. Vielleicht bleiben wir doch ein paar Tage, bevor wir in die Wueste gehen. Ich glaube wir haben japanische Gene, dieses pausenlose in Bewegung bleiben wollen ist schon eine anstrengende Eigenschaft. Heute ist erst Tag 10 und wir haben fast die Haelfte der Strecke hinter uns. Entweder werden wir jetzt langsamer oder wir mussen noch weitere Orte ansteuern.

Tag 9

7. April 2008

Gestern haben wir uns einen ruhigen Tag gemacht, statt 20 Stunden auf Achse nur 7 Stunden durch Udaipur gelaufen, den Stadtpalast besichtigt und etwas ausserhalb in einem netten Restaurant gegessen.

Heute waren wir einen ganzen Tag in Chittorgarh, ebenfalls ein altes Fort auf einer Hochebene, vor dessen Toren diverse ruehmliche und unruehmliche Schlachten stattgefunden haben. Das ist 7 Kilometer lang und zum Glueck hatten wir ein Auto mit Fahrer, denn so verstreut, wie die Tempel, Siegessaeulen und Palaeste liegen, haetten wir das bei 36 Grad nicht alles geschafft. Beeindruckender fand ich allerdings Kumbalgarh, weil das viel besser erhalten ist.
Am Abend haben wir noch in Udaipur ein Freilichtmuseum besucht, in dem aus diversen Gegenden Indiens typische Haeuser nachgebaut sind, in denen auch Leute wohnen und den Besuchern auf Knopfdruck Leben vorspielen muessen. Wir waren in der Huette einer fuenfkoepfigen Familie, die etwa 15 Quadratmeter hatte; in einer Ecke eine offene Feuerstelle, keine Trennwaende… also mir waere ja gar nicht aufgefallen, wenn die Huette nicht originalgetreu gewesen waere sondern ein paar Meter laenger, aber da sind die Inder sehr genau, aehnlich wie beim Ausstellen eines Eintrittstickets, auf dem mindestens drei offizielle Stempel drauf sein muessen – dass die von 2007 waren, scheint dann nicht weiter zu stoeren.

Eben haben wir die massgeschneiderten Blusen, Hemden und Hosen abgeholt, fast wie aus dem Laden. Einem indischen Laden…

Tag 7

5. April 2008

Nachtrag zu gestern: Auf der Fahrt nach Udaipur wurden wir von einem Inder angesprochen, der bemerkt hatte dass wir Deutsche sind. Auf unsere Bestaetigung hin fragt er uns, ob wir Koenigswinter kennen wuerden, denn er wuerde fuer eine dort ansaessige Firma die indische Dependance leiten…
Was Udaipur dem Inder
ist uns das Koenigswinder
(Keine Sorge, ich habe ihm schon angedeutet, dass er voellig naerrisch ist.)

Am Abend gab es ein Gewitter mit Sturm und Regen, das wir in einem Erker unseres (kleinen) Palastes abgewartet haben. Danach haben wir den Jagdish-Tempel besucht und eine kostenlose ayurvedische Fussbehandlung bekommen, denn beim Betreten des Tempels mussten wir die Schuhe ausziehen und im Daemmerlicht wurde uns da erst klar, dass der ganze Tempelvorplatz mit aufgeweichter Taubenscheisse bedeckt war – wer haette sich da als pingeliger Europaer outen wollen?

Heute haben wir einen Fahrer gechartert und einen Tagesausflug in die Umgebung unternommen. Kumbalgarh ist eine Festung in den Bergen Rajasthans mit einem Maharadja-Palast auf einer Bergspitze. Die komplette Wanderung auf der Festungsmauer waere 36 Kilometer lang gewesen; wir wollten unserem Fahrer nicht zumuten auf uns warten zu muessen. Die zweite Station war Ranakpur; das ist der groesste Tempel Indiens und besteht komplett aus weissem Marmor und hat 1444 Saeulen, die alle unterschiedlich verziert sind.

Gerade kommen wir von unserem Abendessen zurueck; ich glaube nicht, dass sich dorthin ein Auslaender verirrt. Es gibt dort immer nur ein Gericht, so eine Art Luxusfrittenbude fuer Inder – \”Thali all you can eat\” fuer 90 Cent, die Kellner laufen mit grossen Henkelmaennchen durch die Gaenge und klatschen aus einem halben Meter Entfernung so lange Gemuese, Reis und Sossen auf ein Zinktablett, bis der Gast ermattet Halt ruft. Wenn der Kellner den Eindruck hat, dass der Gast satt sein koennte, dann wird abgeraeumt und fuer den Naechsten gedeckt, was so viel heisst wie: geh endlich, wir brauchen den Tisch.

Tag 6

4. April 2008

Zelte in Diu abgebrochen, wesentlich frueher als geplant. Diu bleibt uns in Erinnerung wegen der vorbildlichen oeko- und biologischen Spuelmethoden: das schmutzige Geschirr wird in eine grosse Schuessel auf dem Boden gestellt. Dort fallen die hauseigenen Katzen ueber die Essensreste her und spuelen die Teller mit ihren Zungen vor. Eigentlich sieht das Geschirr danach so gut aus, dass ein weiterer Spuelgang nicht mehr notwendig erscheint. Wahrscheinlich folgt auch keiner mehr…

Eigentlich wollten wir ja ein paar Tage ausspannen, doch jetzt sitzen wir wieder fuer 20 Stunden im Bus, zuerst nach Ahmedabad, dann nach Udaipur. Von den 6 Tagen sind wir dreieinhalb in Bussen unterwegs gewesen, deswegen bleiben wir erst mal vier Tage in Udaipur. Da wir den Kontrast lieben, sind wir in einen traumhaften alten Stadtpalast eingezogen, dreckig wie die Ferkel; nach dem 100 Rupien-Zimmer (1,5 Euro) in Diu, das wir zum unterstellen des Gepaecks bis zur Abfahrt am Abend genommen hatten, ist es hier wie in 1001 Nacht. Ich weiss, die fanden nicht in Indien statt. Der Ausblick ist grandios, direkt am See mit Blick auf das Lake Palace Hotel (hier wurde James Bond Octopussy gedreht). Irgendwie brauchen wir mal was zu essen, deswegen fuer diesmal gute Nacht.

Tag 4

2. April 2008

Endlich in Diu – und schon wieder auf dem Sprung. 23 Stunden hat die Busfahrt gedauert von Mumbai bis hierher, und jetzt ist der Strand fuer uns Thaillandverwoehnte nicht so spannend wie gedacht. Ausserdem, Tina wollte nicht die einzige Frau in Bikini an einem Strand mit vollstaendig bekleideten Maennern sein 🙂
Die Fahrt selbst fand in einem Liegebus statt, in dem man nicht sitzt, sondern auf einer 3 Zentimeter dicken, verwanzten Matratze hockt; wenn man nach 10 Stunden oft genug mit dem Kopf gegen die darueber liegende Koje geschlagen ist, legt man sich auch hin – Wanzen hin oder her. Bedenklich fanden wir die Schrotflinte im Gepaeckfach, haben aber nicht gefragt, um niemanden auf seltsame Gedanken zu bringen. Dass das Differential im Laufe der Fahrt immer lauter wurde und mehrfach repariert werden musste fiel nicht mehr ins Gewicht…
Fuer unser Kharma haben wir auch schon etwas getan, indem wir noch vor Fahrtantritt in Mumbai einem Brotverkaeufer, den wir irrtuemlich fuer einen Bettler gehalten haben, zwei Muesliriegel aufgedraengt haben, die der einfach nicht wollte, die Leute hier wissen nicht, was gut fuer sie ist 🙂
Morgen geht es Richtung Udaipur, mit Bus und Bahn, wieder 24 Stunden.

Tag 2

1. April 2008

Nach einem kurzen, unspektakulaeren Flug in Mumbai angekommen. Danach fast 7 Stunden durch die Stadt gelaufen und die erste Haut gelassen (an den Fuessen). Dank einiger Asien-Erfahrung kommt uns die Stadt nicht so fremd und exotisch vor wie zuerst gedacht. Wenn es Versuche gegeben haben sollte, uns ueber den Tisch zu ziehen, dann ist dieses auf sehr sympathische und nicht besonders erfolgreiche Weise geschehen. Selbst die Hare-KrishnaJuenger haben wir um 90% herunter gehandelt, dafuer faerben aber auch die Armbaender wie Sau. Einzig gegen den Schaffner der Backbay-Line (Buslinie)hatten wir keine Chance, denn der hat uns mitten auf einer 6-spurigen Strasse ausgesetzt, weil unser Fahrtziel zwar auf der Strecke lag, wir jedoch die Station nicht richtig benennen konnten. Der staendige Hindernislauf zwischen den Autos hindurch (wohlgemerkt hauptsaechlich schnell rasenden und voellig irren Taxis) foerdert unsere Reaktionsfaehigkeit jedoch ungemein.
Alles andere als schoen ist die Erfahrung, dass hier viele Menschen, insbesondere Kinder, so arm sind, dass sie noch nicht einmal um Geld, sondern uns um unsere angebrochenen Wasserflaschen anbetteln.

Tag -5

23. März 2008

Die Route der Reise steht, auch wenn ich noch nicht weiß, ob sich das letztlich so machen lässt. Die einzelnen Stationen sollen Mumbai – Diu – Udaipur – Chittorgarh – Micropur – Jodhpur – Jaisalmer – Bikaner – Jaipur – Fatehpur Sikri – Agra – Delhi sein. Bei meiner augenblicklichen Verwirrung finde ich den Ort Micropur jetzt nicht auf der Karte, irgendwas verbinde ich aber damit, eine Sehenswürdigkeit wie einen Fall, also Wasser, oder einen Haufen Steine, wahrscheinlich ein Tempel. Egal, alles kann ich sowieso nicht besuchen.